Wenn sich der weiße Segen in einen Dämon verwandelt. Der Winter 2017/18 war aufgrund der Schneemengen einer, wie es ihn nicht so oft gibt. Er ließ bei der älteren Generation Erinnerungen an Jahre mit zu viel Schnee aufkommen. Die Schwendberger Lawinenkatastrophe 1951 ist Thema des Buches „Heimsuchung im Zillertaler Sidantal“ von Wilhelm Bair.

» Mein Vater war Bauer am Paulerhof. Und auch er hatte im Sidantal eine Aste. «

In Sekundenschnelle kann sich Schnee vom „weißen Segen“ in einen „weißen Dämon“ verwandeln. Wie etwa im Februar 1999, als sich Unmengen von Schnee nach Tagen mit unaufhörlichen Schneefällen in Richtung Dorfzentrum von Galtür bewegten. Eine beklemmende Stille fand mit unheimlichem Grollen ihr Ende. Eine ähnliche Situation gab es viele Jahre zuvor im Zillertal. In den Mittagsstunden des 20. Jänner 1951 löste sich in Tux eine verheerende Staublawine, verwüstete große Teile des Magnesitwerks und löschte innerhalb von wenigen Minuten neun Menschenleben aus. Doch es sollte nicht das einzige Lawinenereignis bleiben. An diesem Samstag bekam die Farbe Weiß plötzlich Schatten. „In den Nachtstunden des 20. Jänner 1951 wurde das Sidantal, ein besiedeltes Hochtal am Schwendberg, von einer gigantischen Naturkatastrophe heimgesucht“, verrät der Text auf der Rückseite des neuen Buches von Wilhelm Bair. Die ZILLACHTOLARIN hat sich mit dem Autor darüber unterhalten.

„Mit der Niederschrift von Begebenheiten und Geschehnissen schreibt der Mensch gegen das Vergessen und Verdrängen an“, begründet er im Vorwort sein Interesse an der Geschichte seines Heimatortes. Er sei durch Zufall zum Schreiben gekommen und jemand, der „Geschichten für Zillertaler schreibt“. Durch das Festhalten von Ereignissen bekommet eine der wertvollsten Eigenschaften der Menschen eine Stimme: das Mitgefühl.

„Die unglaublichen Schneemengen konnten sich an diesem schicksalsträchtigen Tag im Januar 1951 einfach nicht mehr halten“, so der Autor bei unserem Gespräch am Schwendberg. Vier Tage lang schneite es ununterbrochen. Er selbst habe das Unglück zum Glück nicht miterlebt. Sein Vater sei bei den Bergungen dabei gewesen und Zeitzeugen hätten ihm berichtet. „Als der Schnee langsam Fensterhöhe erreichte und nach und nach das Tageslicht nahm, breitete sich eine gespenstische Stille aus“, zitiert Wilhelm in seinem Buch eine Zeitzeugin. Starke Schneefälle seien keine Seltenheit gewesen. Drei bis fünf Meter in den Tuxer Voralpen und im Zentralalpenraum sorgten dann aber doch für ziemliches Unbehagen. Das Sidantal sei „an und für sich ein ziemlich sicheres Siedlungsgebiet“, wie Wilhelm weiter ausführt. Andernfalls wären Stallungen und Hütten zwischen Hochschwendberg und Sidanjoch beziehungsweise Rastkogel nicht wiederaufgebaut worden. „Die gibt es auch heute noch.“

Wenn Wilhelm lebhaft von den Zeitzeugen-Gesprächen für sein Buch berichtet, sieht man ihn fast mittendrin im tragischen Geschehen. Und es tut ihm leid, dass einige Gesprächspartner das Erscheinen des Buches nicht mehr erleben durften.

Zehn Menschen (darunter fast zwei ganze Familien) starben in den Schneemassen. Unter ihnen auch Josef Wechselberger, „Stockach Sepp“. Sein ungutes Gefühl vom Vortag war plötzlich verschwunden. Das Bauernbrot seiner Frau Loise und die Milchsuppe schmeckten ihm ganz besonders gut. „Dann legt er sich mit einer tiefen Zufriedenheit zum Schlafen nieder“, ist zu lesen. Zwei Stunden später erwacht er aufgrund einer inneren Unruhe, zieht sich an und geht in den Stall. Die „Kohle“, eine Kuh, will sich von der Kette losreißen. Doch das Schicksal meinte es nicht gut mit ihr. Ebenso wie mit sieben toten Kühen, die mit abgerissenen Ketten unter der Stalltüre in einem anderen Stall standen. „In den 50er-Jahren wurde das vorrätige Heu oft bis Maria Lichtmess verfüttert“, erklärt Wilhelm in seinem Buch den Grund für die vielen Bauersleute und Tiere in diesen Höhen. „Niemals hätten sie ihr Vieh alleine gelassen“, erzählt der
56-Jährige.

Um 23:00 Uhr dieses Januartages hatte sich das Leben am Schwendberg völlig gedreht. Nichts war wie früher. „Er hatte einen Tragekorb am Rücken (…) und mit Tränen in den Augen gab er uns zu verstehen, einen Blick in den Korb zu werfen“, erinnert sich Regina Bair (geb. Kreidl, Altbäuerin zu Pauler) an die Trauergebete im Wiespointhof. Bis die letzten Verschütteten gefunden wurden, vergingen übrigens mehrere Tage. Ja Monate. „So weinten wir gemeinsam über das Ende einer nicht nachvollziehbaren Grausamkeit“, erinnert sich Regina Bair an die tiefe Trauer.

In den abschließenden Gedanken zum Menschsein vergleicht Wilhelm das Leben mit einem Bühnenstück. „Am Ende des Stückes verneigen wir uns und verlassen die Bühne so, wie wir gekommen sind: nackt und ohne materielle Werte.“

» Es gibt viele Dinge, die man mit der Zeit vergisst. Sie wurden und werden nicht immer aufgeschrieben und niemand erinnert
sich daran. «

Wenn sich der weiße Segen in einen Dämon verwandelt
Der Winter 2017/18 war aufgrund der Schneemengen einer, wie es ihn nicht so oft gibt. Er ließ bei der älteren Generation Erinnerungen an Jahre mit zu viel Schnee aufkommen. Die Schwendberger Lawinenkatastrophe 1951 ist Thema des Buches „Heimsuchung im Zillertaler Sidantal“ von Wilhelm Bair.

» Mein Vater war Bauer am Paulerhof. Und auch er hatte im Sidantal eine Aste. «

In Sekundenschnelle kann sich Schnee vom „weißen Segen“ in einen „weißen Dämon“ verwandeln. Wie etwa im Februar 1999, als sich Unmengen von Schnee nach Tagen mit unaufhörlichen Schneefällen in Richtung Dorfzentrum von Galtür bewegten. Eine beklemmende Stille fand mit unheimlichem Grollen ihr Ende. Eine ähnliche Situation gab es viele Jahre zuvor im Zillertal. In den Mittagsstunden des 20. Jänner 1951 löste sich in Tux eine verheerende Staublawine, verwüstete große Teile des Magnesitwerks und löschte innerhalb von wenigen Minuten neun Menschenleben aus. Doch es sollte nicht das einzige Lawinenereignis bleiben. An diesem Samstag bekam die Farbe Weiß plötzlich Schatten. „In den Nachtstunden des 20. Jänner 1951 wurde das Sidantal, ein besiedeltes Hochtal am Schwendberg, von einer gigantischen Naturkatastrophe heimgesucht“, verrät der Text auf der Rückseite des neuen Buches von Wilhelm Bair. Die ZILLACHTOLARIN hat sich mit dem Autor darüber unterhalten.

„Mit der Niederschrift von Begebenheiten und Geschehnissen schreibt der Mensch gegen das Vergessen und Verdrängen an“, begründet er im Vorwort sein Interesse an der Geschichte seines Heimatortes. Er sei durch Zufall zum Schreiben gekommen und jemand, der „Geschichten für Zillertaler schreibt“. Durch das Festhalten von Ereignissen bekommet eine der wertvollsten Eigenschaften der Menschen eine Stimme: das Mitgefühl.

„Die unglaublichen Schneemengen konnten sich an diesem schicksalsträchtigen Tag im Januar 1951 einfach nicht mehr halten“, so der Autor bei unserem Gespräch am Schwendberg. Vier Tage lang schneite es ununterbrochen. Er selbst habe das Unglück zum Glück nicht miterlebt. Sein Vater sei bei den Bergungen dabei gewesen und Zeitzeugen hätten ihm berichtet. „Als der Schnee langsam Fensterhöhe erreichte und nach und nach das Tageslicht nahm, breitete sich eine gespenstische Stille aus“, zitiert Wilhelm in seinem Buch eine Zeitzeugin. Starke Schneefälle seien keine Seltenheit gewesen. Drei bis fünf Meter in den Tuxer Voralpen und im Zentralalpenraum sorgten dann aber doch für ziemliches Unbehagen. Das Sidantal sei „an und für sich ein ziemlich sicheres Siedlungsgebiet“, wie Wilhelm weiter ausführt. Andernfalls wären Stallungen und Hütten zwischen Hochschwendberg und Sidanjoch beziehungsweise Rastkogel nicht wiederaufgebaut worden. „Die gibt es auch heute noch.“

Wenn Wilhelm lebhaft von den Zeitzeugen-Gesprächen für sein Buch berichtet, sieht man ihn fast mittendrin im tragischen Geschehen. Und es tut ihm leid, dass einige Gesprächspartner das Erscheinen des Buches nicht mehr erleben durften.

Zehn Menschen (darunter fast zwei ganze Familien) starben in den Schneemassen. Unter ihnen auch Josef Wechselberger, „Stockach Sepp“. Sein ungutes Gefühl vom Vortag war plötzlich verschwunden. Das Bauernbrot seiner Frau Loise und die Milchsuppe schmeckten ihm ganz besonders gut. „Dann legt er sich mit einer tiefen Zufriedenheit zum Schlafen nieder“, ist zu lesen. Zwei Stunden später erwacht er aufgrund einer inneren Unruhe, zieht sich an und geht in den Stall. Die „Kohle“, eine Kuh, will sich von der Kette losreißen. Doch das Schicksal meinte es nicht gut mit ihr. Ebenso wie mit sieben toten Kühen, die mit abgerissenen Ketten unter der Stalltüre in einem anderen Stall standen. „In den 50er-Jahren wurde das vorrätige Heu oft bis Maria Lichtmess verfüttert“, erklärt Wilhelm in seinem Buch den Grund für die vielen Bauersleute und Tiere in diesen Höhen. „Niemals hätten sie ihr Vieh alleine gelassen“, erzählt der
56-Jährige.

Um 23:00 Uhr dieses Januartages hatte sich das Leben am Schwendberg völlig gedreht. Nichts war wie früher. „Er hatte einen Tragekorb am Rücken (…) und mit Tränen in den Augen gab er uns zu verstehen, einen Blick in den Korb zu werfen“, erinnert sich Regina Bair (geb. Kreidl, Altbäuerin zu Pauler) an die Trauergebete im Wiespointhof. Bis die letzten Verschütteten gefunden wurden, vergingen übrigens mehrere Tage. Ja Monate. „So weinten wir gemeinsam über das Ende einer nicht nachvollziehbaren Grausamkeit“, erinnert sich Regina Bair an die tiefe Trauer.

In den abschließenden Gedanken zum Menschsein vergleicht Wilhelm das Leben mit einem Bühnenstück. „Am Ende des Stückes verneigen wir uns und verlassen die Bühne so, wie wir gekommen sind: nackt und ohne materielle Werte.“

» Es gibt viele Dinge, die man mit der Zeit vergisst. Sie wurden und werden nicht immer aufgeschrieben und niemand erinnert
sich daran. «

FOTO: GPHOTO / MARTIN GUGGENBERGER