Der Grenzgänger

Er musste um sein Leben rennen, wollte er eine Zukunft haben. Am 22. Juni 2019 hat Shakeel Masih das Laufen aus einem völlig neuen Blickwinkel erleben dürfen. Auf ihn und andere Trailrunner warteten bei den »Ultraks Mayrhofen« drei Distanzen mit bis zu 3.400 Höhenmetern im Aufstieg.

»Damals musste ich laufen. Aus Angst um mein Leben«.

Shakeel Masih, Geflüchteter und Trailrunner aus Pakistan

»Das wird sicher sehr spannend«, sagt Shakeel mit einem Lächeln im Gesicht. Ich treffe den in Finkenberg lebenden und arbeitenden Pakistani in Mayrhofen. Seit Erhalt eines positiven Asylbescheides im Juni 2018 begleitet ihn ein glückliches Lächeln durch den Alltag. Doch das war nicht immer der Fall, denn in seinem Heimatland hat ihm eine lokale Terrorgruppe mit Folter und Verfolgungen das Leben im wahrsten Sinne zur Hölle gemacht. Weil er mit dem Traktor eines Bauern sonntags christliche Mitmenschen aus seinem Heimatort in die Nachbarstadt zum Gottesdienst gefahren hatte – deshalb trachtete man ihm nach seinem Dasein. Es gab daher keine andere Möglichkeit, als um sein Leben zu rennen. Nach seiner Flucht zu uns spielten die österreichischen Behörden über viele Jahre ein äußerst unwürdiges Spiel mit ihm. Eindeutige Beweise für eine positive Entscheidung ließen die zuständigen Behörden bewusst unberücksichtigt. Erst das Bundesverwaltungsgericht setzte diesem »Treiben« im Sommer 2018 ein Ende. 

Wer braucht überhaupt Pflege?

»Laufen«, sagt der 38jährige heute, »ist für mich nichts Ungewöhnliches gewesen«. Schließlich habe es ihn auf der beschwerlichen Suche nach einem neuen Leben begleitet. Shakeel war ein Getriebener. »Das Laufen war früher anders. Damals musste ich laufen. Aus Angst um mein Leben«, erinnert sich der gelernte Metallschlosser. »Es lässt sich nicht mit heute vergleichen«. Aufgeben kam für ihn aber nie in Frage. Dafür war Shakeels Leben zu sehr gekennzeichnet von schlimmen Erfahrungen und vielen Entbehrungen. Während wir von einem Ferienhaus im Süden oder von Fernreisen träumen, gab es für Shakeel nur ein einziges Lebensziel: Ein Leben in Freiheit und Menschenwürde. Laufen hatte zur Zeit seiner Flucht aus Pakistan nur wenig Befreiendes an sich. »Man kann sich das so vorstellen, dass vor mir jemand war, ich hinter ihm und hinter mir ein Verfolger. Ich war mittendrin gefangen. Wie in einem Hamsterrad«. Im Gespräch mit Shakeel ist eine große Demut und Dankbarkeit spürbar. Was uns völlig normal erscheint, ist für einen geflüchteten Menschen völlig neu: Freiheit.
»Ultraks« nennt sich eine Laufveranstaltung, die von Mirko Gröschner und Michael Hodara aus Genf veranstaltet wird. Die zwei (co-)organisieren große Sportveranstaltungen wie Americas Cup, Tour de France oder Eishockey-WM. Gestartet wurde »Ultraks« 2013 in Zermatt, zwei Jahre später kam St. Moritz dazu. Im Juni 2019 feiert der Trail-Run Premiere außerhalb der Schweiz. Die Veranstalter unterzeichneten einen Vertrag mit dem TVB Mayrhofen-Hippach bis 2023.

Erster Teilnehmer aus Pakistan

Während wir uns unterhalten, nimmt Bergläufer Markus Kröll an unserem Tisch Platz. »Es freut mich, dass ich dich kennenlernen darf«, sagt er. »Und, dass du mitlaufen möchtest«. Laut Markus seien bis Anfang April rund 300 Damen und Herren angemeldet. Der Großteil davon stammt aus Deutschland. »Du bist der erste Teilnehmer aus Pakistan«. Shakeel ergänzt mit glänzenden Augen, »ja, mit einem österreichischen Reisepass für Asylberechtigte«.  Heute sieht er das Laufen als eine Art Luxus, denn »jetzt laufe ich aus Spaß und für meine Fitness«. Nicht weniger als 13 (verlorene) Jahre kann er jetzt hinter sich lassen. »Und ich darf endlich arbeiten«, zeigt er stolz auf seine Arbeitskleidung. »Ich muss mich nicht mehr aus Angst vor einer Abschiebung verstecken oder sogar im Wald schlafen. Ich kann mich nach Feierabend mal mit Freunden auf ein Bier treffen, ins Fitnessstudio gehen oder in die Berge gehen. Ich bin daheim. Und ich kann leben«.

Blick nach vorne

Der 38jährige lebt nun seit Juni 2018 ganz offiziell in Finkenberg. Seine neue Heimat durfte er zum Teil schon bei Wanderungen entdecken und genießen. »In meinem Rucksack habe ich auch mal eine warme Decke mitgenommen und habe dann unter freiem Himmel geschlafen«. Zusammen mit seiner Freundin Alicka blickt er jetzt nur mehr nach vorne.
TEXT: Florian Warum FOTO: GPhoto / Martin Guggenberger, Florian Warum