Die Legende »Geierwally« lebt!

Auch wenn Waltraud Wechselberger aus Hainzenberg ein anderes Leben als die Tirolerin und Romanvorlage für »Die Geierwally« Anna Stainer-Knittel führt, haben die beiden doch etwas gemeinsam: sie haben sich in der Männerdomäne Falknerei mit Erfolg bewährt. Die Zillertalerin erzählt von ihrem Weg, das Vertrauen der Greifvögel zu gewinnen.
Hoch oben auf 2.000 Metern Höhe fliegen im Sommer die Greifvögel spektakulär nur wenige Meter über den Köpfen der Zuschauern hinweg. Die Spannung ist hautnah zu spüren, die faszinierenden Luftakrobaten können aus der Nähe betrachtet werden. »Es ist einfach eine schöne Arbeit«, sagt
Waltraud Wechselberger. »Man muss alles andere ausklammern und sich nur auf die Greifvögel konzentrieren.« Gemeinsam mit ihrem Ehemann Didi leitet sie die einstündigen Vorführungen in der Adlerbühne Ahorn in Mayrhofen, die gleichzeitig die höchste Greifvogelstation Europas darstellt.
Zu Beginn war die Falknerei aber nur seine Leidenschaft, seit nunmehr zehn Jahren arbeitet Didi Wechselberger mit den Mayrhofner Bergbahnen zusammen und lässt seine Greifvögel vor dem Bergpanorama fliegen. Wegen der kurzfristigen Absage eines Mitarbeiters musste eine neue Bezugsperson für die
Tiere her. »Zuerst war das Ausscheiden dieses Mitarbeiters natürlich ein Katastrophe. Meine Greifvögel sind sehr brav, aber sie sind auch auf gewisse Menschen fixiert«, erinnert sich der ausgebildete Falkner und Gemeindepolizist zurück. »Irgendwann habe ich dann zu meiner Frau gesagt: ›Das ist jetzt deine Chance, dass wir das gemeinsam machen, dass wir zu einem Familienbetrieb werden.‹ Wir lieben ohnehin jede Sekunde, die wir zusammen sein können.«
Es wundere ihn ein wenig, dass wir ausgerechnet ihn ausgesucht hätten. Im Zillertal gäbe es ja Musiker in Hülle und Fülle für Interviews oder Portraits. »Wenn du aber tatsächlich über mich schreiben möchtest«, sagt er, werde er seinen Bart stutzen müssen. Aber nach Saalfelden müsse ich nicht kommen. »Treffen wir uns in Mayrhofen«, schlägt Fritz vor.

»Wir dominieren die Greifvögel nicht, wir sind auf einer Augenhöhe mit ihnen.«

Waltraud Wechselberger, Adlerbühne Ahorn

Ein steiniger Weg

Drei Tage lang hatte Waltraud Zeit zu überlegen, ihre Antwort war so entschieden wie die anstrengenden Trainingseinheiten werden sollten. »Ich sagte damals ja. Mich faszinieren die Greifvögel, das haben sie immer schon«, beschreibt sie. »Es hat mich lange nicht gebraucht und war kein Thema. Ohnehin kann man so etwas nicht halb machen, auf das muss man sich ganz einlassen und Zeit nehmen. Da gibt es kein bisschen.« So kam sie im Frühjahr 2018 zum Handkuss und erstmals in den näheren Kontakt mit den Tieren. Ein leichter Weg war es für sie dennoch nicht. »Die Zeit war meine größte Sorge, wir hatten nur noch drei Monate bis zu ersten Greif- vogelvorführung«, setzt Didi fort. »Das ist eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit. Selbst für einen Falkner wäre dieses Zeitlimit eine Herausforderung. Es kann auch sein, dass es gar nicht funktioniert.« Waltraud baute aber schnell Vertrauen zu den Tieren auf und konnte nach gut fünf Wochen mit beinahe allen Greifvögeln umgehen – besonders mit dem Virginia-Uhu-Männchen Billi schloss sie nach kurzer Zeit Freundschaft. »Für diese Leistung müsste sie den dreifachen Oscar und noch ein paar Bambis oben drauf bekommen«, lobt der Hainzenberger. Aus der Leidenschaft ihres Partners wurde bald eine Leidenschaft beider. Nur eine war ihr lang eine Feindin: das Steppenadler-Weibchen Steppi. Als Waltraud erstmals vorsichtig die Voliere betrat, griff sie der Greifvogel bereits auf dem Boden liegend an und kratzte mit seinen Krallen den Rücken der Zillertalerin blutig. »Es ist sozusagen ihr Wohnzimmer und in dem hatte ich noch nichts verloren«, erklärt sie. »Das ist das territoriale Verhalten.« Auch bei den Trainings attackierte der Adler lange Zeit Waltraud, selbst auf einen Hügel verfolgte sie der Greifvögel zu Fuß, um sie anschließend beißen zu können. »Unser Adler hat einen sehr starken Charakter und sie macht nur das, was sie machen will. Auch wenn sie schlechte Laune hat, zeigt sie das sehr.« Die Hainzenbergerin gab jedoch abermals nicht auf und bemühte sich um das Vertrauen des Vogels. Ein Einfall ihres Mannes brachte schlussendlich den langersehnten Erfolg: einen Tag vor der ersten Vorführung hat Waltraud den widerspenstigen Vogel gebunden und gehalten, auch wenn es dem Tier nicht gepasst hat. »Seitdem funktioniert es, der Vogel akzeptiert sie«, sagt Didi stolz. »Auch wenn Adler sehr schwer eine neue Bezugsperson finden.«

Die enge Bindung zählt

»Die meisten wissen gar nicht, wie viele Fehler man in einer Minute bei der Arbeit mit Greifvögeln machen kann«, geben die beiden Bescheid. »Man muss im richtigen Moment das richtige tun und aus Fehlern sofort lernen.« Alle sieben Greifvögel der Familie Wechselberger sind abgetragen und in einer hohen Kondition, jagdlich wird nur der Wüstenbussard Lenni geflogen. »Viele Leute sagen, dass unsere Greifvögel bald besser erzogen sind als einige Hunde«, schmunzelt Didi. »Daher können wir auch mit den Vögeln spazieren gehen. Sie fliegen dann von Baum zu Baum.« Durch die außerordentlich geringe Anzahl von ausgesuchten Vögeln entstand eine sehr enge und Intensive Beziehung mit jedem einzelnen Tier, der Lernerfolg wird durch das Vertrauen aufrecht erhalten. »Wir schauen uns an, was der Vogel gerne macht und stellen uns darauf ein. Nicht anders herum«, betont Didi. »Wir sind kein Zirkus und lehren keine Kunststücke.« Ihre gefiederten »Familienmitglieder« Steppi, Lenni, Ashok, Leica, Hansi, Virginia