Das Liebkind und die Passion

Claudia Dresch ist eine »Auswanderin«. 1980 zog sie von Kaltenbach im Zillertal nach Erl, um dort den allerersten Kindergarten aufzubauen. Bei den geplanten zwei Jahren ist es aber nicht geblieben, denn die Passion des Ortes mit der blauen Quelle ist auch auf sie übergesprungen.
Es ist keine Distanz, die an ferne Länder und Kulturen erinnert. Keine exotischen Speisen, keine fremden Bräuche, keine andere Sprache. Okay, über Letzteres ließe sich noch einmal reden. In Wahrheit sind es jedoch keine 70 Kilometer, die Claudia Dresch zurücklegen musste, um ihr neues Zuhause zu finden. Und dennoch, hört man die Schilderung ihres ersten Aufbruchs, scheint es wie eine Reise an einen weit entfernten Ort.
er fahre Richtung Walchsee. Um nach Erl runter zu kommen, solle sie sich da vorne hinstellen und autostoppen. »Um Himmels Willen!«, dachte sie sich, »wo komm ich da nur hin?!« Aber tatsächlich blieb schon nach kurzer Zeit ein Mercedes stehen. Der Herr hinterm Steuer begrüßte sie recht direkt: »Bis du am End die neue Kindergartentante?« Und so geschah es, dass sie vom Erler Bürgermeister in die Gemeinde »eingeführt« wurde.
ein harmonisches Umfeld wichtig. Bei diesem Satz deutet Claudia ein Nicken an und verweilt kurz in ihren Gedanken. »Denn da ist das gute Gefühl schnell beim Teufel, wenn das nicht passt.« Mit einem Lächeln fährt sie fort: »Aber ich habe da Gott sei Dank viel Glück gehabt. Pädagogisches Wissen und all das ist sicherlich wichtig, alles ok, aber du brauchst Leut’, die a G’spür haben und mit Liab und Herz bei der Sach’ sind.«

PER ANHALTER NACH ERL

MIT LIAB UND HERZ

ERZIEHUNGSFRAGEN

Claudia hat sich nach der Ausbildung zur Kindergartenpädagogin in Innsbruck in verschiedenen Gemeinden der Umgebung beworben. Eines Tages lagen die positiv bearbeiteten Bewerbungsunterlagen aus Erl auf dem Küchentisch. »Ich wusste nicht einmal, wo Erl überhaupt ist«, lacht die Pädagogin. »Aber mich hat es von Anfang an sehr gereizt. Und so bin ich in die Zillertalbahn gestiegen und bis nach Jenbach gefahren. Von dort mit dem Zug bis Kufstein und weiter mit dem Bus.« In Niederndorf sagte dann der Busfahrer,
Ihre Mama sei selbst Kindergartentante gewesen und obwohl sie in keinster Weise gedrängt wurde, wusste Claudia bereits sehr früh, dass auch sie genau das einmal sein wollte. Dankbar, dass ihre Eltern ihr die Ausbildung ermöglicht haben, bezeichnet sie ihren Beruf noch heute als ihr »Liebkind«. »Es ist ein Glück, wenn man sagen kann, dass man sich am Wochenende darauf freut, am Montag arbeiten gehen zu dürfen.« Natürlich sei für dieses positive Gefühl auch immer
Die vorgegebenen Auflagen haben Claudias Beruf mit der Zeit sicher nicht einfacher gemacht. Auch viele Eltern hätten Schwierigkeiten mit den vielen Möglichkeiten der »richtigen« Erziehung. »Aber die Kinder sind immer noch Kinder«, konkludiert Claudia mit einem zärtlichen Ausdruck im Gesicht. Immer wieder kommt es vor, dass sie in Erziehungsfragen um Rat gebeten wird. Sie beschreibt die Situation an einem Beispiel. Wo die Mutter »früher« zum Kind gesagt hat, es solle die Gummistiefel an

»Ein Kind ist kein Kalb, das nach der Geburt aufsteht und selbst das Euter sucht.«

ziehen, woraufhin das Kind vielleicht widerstrebend reagiert hat, sei man damals vermehrt standhaft geblieben. Ganz nach dem Motto »Du ziehst jetzt die Gummistiefel an, sonst helfe ich dir hinein! « Und das sei das Beste, was dem Kind passieren konnte. Heute würde in derselben Situation oft diskutiert, erklärt und abgewogen. Damit tue man dem Kind aber nichts Gutes, spricht Claudia aus Erfahrung. Alles zu seiner Zeit. Dass mit einem 12-Jährigen anders zu reden sei als mit einem 3-Jährigen, wäre ja klar. Aber man müsse als Erzieher auch mal konsequent »Nein!« sagen und eine klare Richtlinie geben. Das hätte nix mit Diktatur zu tun, sondern gäbe dem Kind Halt und gehöre zur Menschwerdung dazu. »In Liebe konsequent«, rät Claudia an dieser Stelle. Noch etwas, das dem Kind unsagbar viel bringen würde und später nicht mehr aufgeholt werden könne, sei die Nähe, die in den ersten Jahren aufgebaut wird. »Zuawelunzen, kuscheln, eine Geschichte erzählen, ein Buch zusammen anschauen. Je mehr hier passiert, desto größer ist die Bindung zwischen den beiden. Ein Kind ist kein Kalb, das nach der Geburt aufsteht und selbst das Euter sucht. Das hat der Herrgott anders geplant.«

DIE PASSION

Passionsspiele, aber als sie 1980 nach Erl kam, wusste sie nicht viel darüber. Schon sehr bald spürte sie am abendlichen Stammtisch, wie sehr »die Passion« die Erler verbindet. Da wurden sich die Zitate über den Tisch zugeworfen und Ereignisse von vergangenen Aufführungen erzählt. Die Passion ist allgegenwärtig. 1985 fanden die ersten Spiele statt, bei denen Claudia mitspielen durfte, und plötzlich stand sie auf der Bühne und neben ihr der Gemeindearbeiter, der ihr so manches Mal etwas im Kindergarten reparierte, als Hohepriester Kaiphas, die Bankangestellten als Soldaten und der Schwiegervater verkörperte Petrus. Das habe sie schon sehr fasziniert, was es mit einer Gemeinde macht, wenn 500 Erler der insgesamt 1450 Einwohner gemeinsam auf der Bühne stehen. Erl ist der älteste Passionsspielort im deutschsprachigen Raum. Alle sechs Jahre finden die Passionsspiele in dem markanten Gebäude am Waldesrand statt. Ein ganzes Jahr lang wachsen Bärte und Haare und die Tage und Abende sind gefüllt mit über 100 Proben und 30 Aufführungen. Und trotzdem, wenn ein anstrengendes Spieljahr zu Ende geht, ist das Gefühl der Wehmut, dass es nun wieder vorbei ist, größer als das Gefühl, in der vergangenen Zeit etwas entbehrt haben zu müssen. Auch 2019 ist wieder ein Passionsjahr. Noch bis in den Herbst hinein wird das von Felix Mitterer neuverfasste Stück in Erl aufgeführt. Ein Zitat des Tiroler Schriftstellers aus dem Jahr 2013: »Es ist die größte Herausforderung meines Lebens als Dramatiker, die größte Geschichte aller Zeiten, die Passion Christi […] für die Passionsspiele Erl neu zu erarbeiten.»

HEIMAT

Auf die Frage, was Heimat für sie bedeuten würde, wird Claudia nachdenklich. Es sei schwierig zu beantworten. Gerade was die Erler und ihre Passion anginge, was sie hier an Mut bewiesen und auf die Beine gestellt hätten, das beeindrucke sie noch heute sehr stark. Und das seien auch die Momente, wo sie sich immer wieder mal als »Zuagroaste« fühle. Aber nach mittlerweile 40 Jahren in dieser Gemeinde sei sie schon auch eine Erlerin. Nur wenn es um die neue Tracht geht, dann kann es nur eine sein – und das sei die Zillertaler Tracht.